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Ein Bild bilden/Dr. Gert Reising
Alles, was wir sehen, wird zum Bild. Was ein
Bild ist, ist auch eine Sache der Konvention, so sehr ein Bild ein
Bild ist, ein ausdrücklicher, konzentrierter Eindruck eines
ästhetischen Gegenstandes auf die Augen, und, falls es ein
gutes Bild ist, nicht nur das: ein eindrückliches Eingehen
auf den Körper, den Geist, die Seele.
Aber was ist ein Bild, hier, bei Matthias Lutzeyer,
also: Was ist ein gutes Bild? Eine sachliche Sache, da ihr Material
und Konvention bekannt ist, hiermit bekannt gegeben wird: früher
Leinwände, früher Eitempera, eine der klassischen Maltechniken,
später, früher und später Holztafeln, Pigmente, also
Farbe in hoher Potenz, also Farbe, also Malerei, aber: ohne Rahmen,
das ist eine alte Konvention. Diese Bilder sind nach klassischen
Vorstellungen Gemälde, und wie Matthias Lutzeyer damit umgeht,
ist es Malerei, nicht mehr, nicht weniger: Kunst. Aber selbst das
wäre eine bildnerische Konvention.
Gestatten Sie mir einen Bogen zurück, einen
Mäander, ein fließendes Ornament, denn alles, was wir
sehen, sind Bilder, das hat mit unseren Wahrnehmungen zu tun, denn
wir ordnen alle Erscheinungen der Welt zu Bildern, und daher ist
es eine Sache der Ortung, was wir zu Bildern zusammensetzen, eine
Konvention, ein Weltverständnis, das verständlicherweise
nicht immer den Bau der Welt versteht.
Bei alten Bildern ist das anders, die verstehen wir, indem wir sie
ungefragt mögen: ein Fußballspiel, ein Bildschirmschoner,
na, ja, aber deswegen lesen Sie das nicht: Es geht um Kunst, und
wer versteht sie schon, denn indem wir sie verstünden, würde
sie langweilig, und deswegen lesen Sie dies schon gar nicht.
Verstehen Sie mich richtig, ich stehe hier, um
Ihnen diese Bilder, so ich es vermag, verständlich zu machen,
und will Ihnen sagen, dass ich diese Bilder deswegen schön
finde, weil ich sie nicht verstehe. Das ist Teil des Ästhetikbegriffs
von Schönheit. Aber zum eigenen Verständnis werde ich,
das ist mein Beruf, in der Geschichte dieser Bilder bis zu den jetzigen
Gemälden vorangehen, es ist ein allein didaktisches Vorgehen
seit dem letzten Jahrzehnt, ein frühes, großes, gestrecktes
blaues Gemälde, wie es sich gehört, auf Leinwand, das
betone ich, weil dieses Gewebe von hinten Licht durchdrücken
kann, welches die Bilder von hinten zu erleuchten vermag, ein lange
bekannter malerischer Trick, ein Panorama, die nächste Konvention,
ein Bild so lange zu strecken, dass es perspektivisch vielschichtig
wird, örtlich wie räumlich lang, eine ganze Welt sozusagen,
und das Panorama ist ein Erzähltypus, von links nach rechts,
von da nach dort, von damals bis heute in einem Gang, eine Entwicklung
als Abwicklung, auf der dann auch durchaus figurativ gestalteten
Oberfläche, die Matthias Lutzeyer mit Ultramarinpigment einbläute
wie einstrich, indem er eine Eitempera benutzte.
Man nehme Eier, riechen Sie mal daran, wenn
Sie nahe dran sind: Leinöl, ein intensiver Geruch, ein hochwertiges
Malöl, das er nach und nach auf der Fläche einsumpfte,
ein organisches Arbeiten, um die Fläche zu verdichten, um mit
relativ wenig Pigment, also Farbe, zum Ziel einer Fläche zu
kommen, die aus der Realität von Farbe auf der Leinwand Illusionen
zu zaubern, das ist der Auftrag der Künstler von jeher: das
Ziel der Malerei, auf der Fläche Räume zu suggerieren.
Während des Malens, und Matthias Lutzeyer malt mit den Händen,
einem unmittelbaren Ausdruck des Körpers, nicht des Kopfes
nur, ist zu bemerken, dass die Vermischung von Farbkorn und Bindemittel
ihr Eigenleben entwickelte, dass sich Helligkeiten und Dunkles wie
von selbst ergaben, und, dass es Gruppierungen von Helligkeiten
ergab, die sich selbst zu quasifigurativen Momenten zusammenfanden,
das ist ein üblicher surrealer, psychischer Prozess, eine Erinnerung
an Gestalt, was immer das beim Betrachter, nein, beim jeweiligen
Betrachter erzeugt, sich zu fragen: Was ist die Wirklichkeit, was
Illusion, was Suggestion, also: Wie fest ist ein Körper, wie
äußert sich innere, wie äußere Bewegung, wie
achten wir darauf, wie verhält sich unsere Beobachtung zur
statischen, zur dynamischen Welt? Und das Ganze wird dann verblüffend
schnell aus dem individuellen Erleben ein objektivierbarer Fakt:
Unsere Welt ist schnell. Und ein Drittel Ihrer Lesezeit ist um.
Aber weiter in der Frage: Was ist Erzählung
innerhalb eines Gesamtbildes, das im Prinzip allein aus seiner strukturierten
Fläche erstehen soll, und, um seinen Ausgangspunkt in der Geschichte
vielleicht von strukturalistischen Ansätzen etwa, aber nur
wegen des Blau etwa bei Yves Klein, jenen strahlenden Klangräumen
materialistischer Illusion etwa in seinen Schwammbildern: greifbare
Tiefenräume, einen Widerspruch, zu finden, zu suchen, wäre
ein Ausschnitt, der durch den randlosen Rand noch verstärkt
wurde, und, ein Begriff: Nouveau Realisme, eine Wirklichkeit, die
über die Abbildlichkeit hinausgeht.
Dieses Moment erzählerischer Informationen:
einen Kopf etwa, schwächte Matthias Lutzeyer allmählich
merklich ab, indem er damals experimentierte, um aus der Tradition
jener zeitgenössischen Kunst auszusteigen, die auf der Festigkeit
von Begrifflichkeiten bestand, indem er vor zehn Jahren in kleinen
Bildern in Eisenoxidschwarz die klassische Illusion von Wand- wie
Fensterbildern (ein Topos seit Leonardo: Kunst-Bilder bestehen aus
Wänden als Grund der Malerei, aus Fenstern als Ausblicken und
aus Bildnissen als Widerspiegelungen des Eigenen) paraphrasierte,
und dies auch 1996 in Reliefs ohne ausdrücklicher Geste schuf,
ohne verbalisierter Geschichte, nur Abstrakta schuf, nur Natur,
aber welche Begriff von Abstraktion, von Natur ist dies, aus der
Struktur herauswachsend, und was wiederum bedeutet hier Struktur,
sich an Bildern etwa von Tapiés und deren Strukturalismus,
auch am Material- wie Zeichenbegriff der Semantik zu orientieren,
Fragen zu stellen, diese im Bild zu befragen und in neuen Bildern
neue Fragen aufzuwerfen.
Auf alten, verworfenen Leinwandgründen Ultramarin
einzudicken, um Richtungen im Bild zu organisieren, damit, nach
klassischem Muster, einen geordneten Bau zu erleichtern, um der
Farbe selbst einen Verlauf zu geben, die Durchlässigkeit der
Leinwand aufzulassen und kleine Lichtillusionen einzulassen, sondern
aus sich selbst heraus Strahlung, Erleuchtung zuzulassen. Das Pigment
kann das und wird aus sich selbst heraus aktiv.
Hier ist eine Schnittstelle, die das Selbstbewusstsein
von Gemälden betrifft: Sind es Abbildungen, Erklärungen
der Welt oder selbst Elemente, die sich eine eigene Welt bauen?
Oder umgekehrt: Sucht der Betrachter in der Kunst nach Erläuterungen,
nach Hilfen für sich, oder fragt ein Bild auch, wer der Betrachter
sei, wenn er das Bild nicht gleich versteht, da es seine Eigenständigkeit
aus sich selbst behauptet, worum freilich der Betrachter stets ringt,
falls er das tut?
Was bedeutet das für den Künstler,
hier Matthias Lutzeyer? Er ordnet sich dem Malen selbst umso mehr
unter, indem er seinen gesellschaftlichen Umraum verändert,
von der beruhigend richtigen Seite auf die Frage nach dem Unbekannten,
Beunruhigenden wirft. Das ist ein großes Wort, nicht unbedingt
gelassen, denn ab da ist er allein gelassen, und dieses Alleinsein
hat dann seine Berechtigung, indem er sich aus der Anbindung an
die Konventionen sozialer wie ästhetischer Rahmenbedingungen:
Perspektiven zu haben, sich in die allbekannte Gemeinschaft Aller
gleichermaßen einzureihen, zur klaren Individualität
bekennt und zur Autonomie findet; Künstler sind in ihrer Kunst
immer Außenseiter. Selbstverständnis hat auch mit Vertrauen
zu tun, auch mit Zuversicht auf die Kraft wie Macht dessen, womit
er arbeitet, was er achtet: die Zukunft, nicht die alleinige Perspektive
der Vergangenheit, nicht allein der allgegenwärtigen Postmoderne,
sondern der Neugier der Avantgarde.
Und da er daher umso mehr der Farbe, dem eigentlichen
Mittel der Malerei vertraut und nicht mehr allein der Illusion einer
ständig gleichen, allein jahreszeitlich wechselnden Beleuchtung
durch die durchlichteter Leinwand, nahm Matthias Lutzeyer Holzgründe,
auf denen er die Eitempera umso dichter ballen konnte, ein Verfahren,
das seit der Pastenmalerei von Jean Fautrier bis Fritz Klemm in
der Malerei durchaus üblich ist.
Also: Man nehme eine Holzplatte, zum Beispiel
in Preußischblau oder Kohlenruß, einmal mehr, einmal
weniger Bindemittel, daher keine Tubenfarbe, sondern selbstgemachte
Eitempera, um das Pigment so zu verdichten, dass es energiereiche
Pasten, Ballen, Klumpen bildet, und um dann das Pigment auf das
Holz zu streuen, um es mit einem Zerstäuber nach und nach wässrig
einzusumpfen, oder aber, unten, in der Tiefe mehr mit Eitempera,
obenauf mit mehr Gelatine auf die Erhaltung der farbigen Erscheinung
zu achten: eine Glasur, ein dem unerfahrenden Beobachter alchimistisch
anmutendes Verfahren, aus organischen Substanzen strahlendes Gold,
hier einen energiereichen Farbkörper aus blauem, da aus schwarzem
Gold zu machen, und das Bild ist dann fertig, wenn es seine eigene
Struktur entwickelt, ganz einfach.
Aber, um vielleicht noch einen Schlenker zurück
zu schließen: das Pigment erhält eine Bedeutung, die
über eines der Malmittel hinausgeht, um die Strahlkraft dieser
energiereichen, atomisierten Energiepulver zu beschleunigen: das
möglichst reine Pigment zur möglichst reinen Farbe werden
zu lassen, ein Hasardspiel zwischen Freiheit und Bindung, aber da
waren wir schon, das kennen wir inzwischen alle.
Dann ist der Weg klar, es ist der Wille, nach
und nach die klassischen Bindungen zu verlassen, gleich wie die
Farbe zunächst heißen mag: ob Ultramarinblau, hier einem
hochwertigen Kremerpigment, das zunächst zum Farbbrei vermengt,
dann mit den Händen aufgetragen, danach aufgestreut wird wie
gehabt, und dann mit der Hand flach verstrichen wird oder mit einem
Spatel gestochen und gestrichen wird. Das Ganze zielt auf ein Bild.
Dann, ja dann entstehen schon während des Arbeitens Trockenrisse,
indem das flüchtige Wasser die Farberde in eine Wüstenei
verwandelte, wüchse dabei nicht die Begehrlichkeit, die Schönheit
der schöne Natur.Aber welche?
Man nehme, nehmen wir, ich nehme ein paar neue
Bilder in Rußschwarz mit Leinölfirnis auf Holz, ca. 50×60
cm oder sehr frische, kleine, mit Blasen, mit Rändern, die
aufs Relief zielen, auf äußere Wülste, aber vor
allem sind es jene Bilder, die sich zum Relief erheben, das bei
Matthias Lutzeyer manchmal Höhe mal Breite mal Tiefe sich gleich
anverwandeln lässt. So.
Meine Assoziation geht auf Lava, auf Natur, auf
eine pastig - pastose, schrundig aufstoßende Welt körniger
Substanzen aus, er hat sie mit der Hand, mit einem Kantholz gedrückt,
gezogen, verteilt, aber vor allem mit der Hand aufgetragen, immer
wieder, immer dicker, und dort, wo es kantet, wird das reine Pigment,
ein Produkt der BASF, um Werbung, wie es sich gehört, einzustreuen,
aufgestreut, aber eigentlich ist das Ganze körnend, rußend,
na, das eigentlich nicht, das würde Herrn Lutzeyer rußen,
Ruß ist gasig, das hier ist fest, eher breit, wie ein kleines
Bild aus dem Jahre 2000 in Eisenoxid aufgedrückt aufgetragen,
in Auftrag aufgetragen, den Wechsel zwischen Ausschnitt und ganzer
Wand vorzutragen, ein Tagwerk einer Wandarbeit, ein Werk, dies alles
Werke voller Einzigartigkeit durch ihre Eigenart, die Grenzen der
Flächen zugunsten der Dreidimensionalität zu verwischen,
und nicht nur dass:
Ich trage Ihnen zum Schluß zwei Theorien
vor: Hans von Marées, Maler im 19. Jahrhundert, ging gänzlich
vom Pigment aus, das er zu Schollen zusammenbuk, die bisweilen über
seine Motive hinausragen, um die linearen Konturen zu meiden, da
der Farbe die Linie nicht eigen ist, das die Zeichnung das Zeichen
betont, nicht aber die Fläche, die zur Malerei wird. Es wurden
bei ihm plastische Massen, deren malerische Intensität hoch
ist, und bei seinem Kollegen heute werden diese Massen zu Strukturen,
deren Systeme wie Kontinentalschollen über das Bild treiben,
ständig in Bewegung, ständig sich austauschend, ständig
den Wechsel zwischen fest und flüssig, vorne und hinten, ohne
je figurative Dominanz zuzulassen, zu betonen, ein zeitgenössisches
System des permanenten Austauschs aller mit allem, ein dynamischer
Wechsel aller Teile auf der Fläche, das nun ein System, mit
welchem viele von uns tagtäglich arbeiten, die ihre Welt aus
Platinen, ihre Mobilität aus der ganzen Welt beziehen, ihre
Offenheit aus der Gleichheit aller Menschen und dabei aus der strikten
Individualität eines jeden ziehen, ach, darüber ließe
sich nun ewig reden, aber das können Sie wiederum sicher besser
als ich, und diese Bilder schauen uns dabei zu und sagen: Ja.
Und dies zweite Theorie: Es ist Ihre. Na, denn los.
© Gert Reising
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